Blanzelot Kreativproduktion

Sind gute Introseiten ebenfalls böse?

Neulich hatte ich einen Disput mit einem Benediktinermönch über Splashpages.

Pilger auf dem Weg an einem Kreuz

Es ging weniger um die Frage, ob animiertes Flash oder klassisches HTML, sondern zunächst einmal um das wichtigere Ob oder Ob-nicht. Und damit ging es letztlich um das Verhältnis von Inhalt und Information Overflow. Gegenstand war und ist eine Website für Pilger. Da ich den State of the Art kenne, habe ich die üblichen Argumente auf den Tisch gelegt:

  • Intro-Seiten bieten spätestens ab dem dritten Besuch nichts Neues und nerven deshalb.
  • Intro-Seiten erhöhen die Klicktiefe.
  • Intro-Seiten bieten keine konkreten Inhalte, nach denen der Nutzer letztlich sucht.
  • Intro-Seiten liefern Suchmaschinen unter der Hauptadresse zu wenig Schlüsselbegriffe.
  • Intro-Seiten erzeugen einen unnötigen Layout-Wechsel, der dem Nutzer die Orientierung erschwert.

Der Mönch schwieg.

Beim nächsten Treffen kamen wir erneut auf das Thema. Die Startseite bestand aus Header, Navigation, einer Übersichtskarte der Pilgerwege, einem Kasten mit Kurzbeschreibung und Mitmachlinks, den fünf neuesten Beiträgen und der Fußleiste. Er kritisierte, das sei zu viel und unübersichtlich. Wir sollten eine kontemplative Seite vorschalten, die den Besucher auf unser Angebot einstimmt. Ich erneuerte die Argumente gegen Intros, schließlich hatte ich mir Mühe gegeben, wirklich nur das Notwendigste auf der Startseite zu platzieren. Er entgegnete: „Du bist verdorben„. Dieser Umstand ist zwar unterhalb der Gürtellinie bezüglich Vorschaltseiten irrelevant. Doch diese Konfrontation machte mich nachdenklich.

Usability oder Utilitarismus?

Im Laufe dieses Nachdenkens kamen mir einige Fragen. Ist es wirklich so, dass das Schnelle und Kurzwegige zugleich das Gute ist? Ist die Ablehnung von Splashpages ein strategischer Zug gegen Agenturen, die solche Seiten machen, getreu dem Motto: Nur der hat Erfolg, der auch Feindbilder pflegt? Oder sind viele (publizierende) Entwickler sogar überzüchtete Ordnungsstifter von Klarheiten, die so klar gar nicht sind? Ist es so schlecht, Besuchern durch eine Vorschaltseite eine Einlassmöglichkeit anzubieten, die sie ein wenig entschleunigt, die ihnen atmosphärisch den Weg weist, die ihnen stimmungsvoll die Verdichtung eines Angebotes nahe bringt? Über diese eher philosophisch-ästhetischen Fragen sind mir noch weitere Argumente in den Sinn gekommen, die eher die Technologie, das Layout und das Nutzerverhalten betreffen:

  • Sind nicht wir (Usability-)Entwickler diejenigen, die im solidarischen Verbund mit Betroffenen immer fordern, dass eine Website auf der Startseite nicht zu viele Links haben sollte?
  • Gehören Navigation, Hilfsmenü, Marginalspalte, Fußleiste und ähnliche Bereiche nicht zu denjenigen, die von der gewünschten Zusammenfassung und damit inhaltlichen Verdichtung auf einer Startseite ablenken?
  • Wiederkehrende Besucher abonnieren immer häufiger RSS-Feeds oder Newsletter, wodurch der Stammleser via Deeplink direkt auf die Inhaltsseiten geschickt wird. Er landet also erst gar nicht auf der (vermeintlichen Hürde) Splashpage.
  • Darf man wiederkehrenden Besuchern, die über die Startseite kommen, nicht auch mal unterstellen, dass sie die Intro-Inhalte gerne ansehen und sich nicht um ihre Zeit betrogen fühlen?
  • Kann man unter Umständen entstehende Langeweile nicht auch dadurch vermeiden, dass man als Anbieter regelmäßig das Bild auf der Splashpage wechselt?
  • Darf man vielleicht sogar annehmen, dass sich das selbe Bild bei neuerlichen Besuchen anders darstellt als zuvor, weil die Wahrnehmung des Betrachters einem permanenten Wandel unterliegt?
  • Bestehen im <title>, der Beschreibung, im Bildinhalt bzw. alt-Text und im (wenigen) Volltext nicht ausreichend Möglichkeiten, die wesentlichen Inhalte des Internetauftrittes zusammenzufassen und Suchmaschinen optimiert aufzubereiten?

Die Argumente gegen Vorschaltseiten braucht man nicht pauschal von der Hand weisen. Die Konsequenzen (Weg damit!) scheinen aber etwas vorschnell gezogen worden zu sein. Dies gilt vor allem dann, wenn Profitorientierung gleichgesetzt wird mit Benutzerfreundlichkeit. Gerade im Sinne eines stimmungsbildenden, identitätsstiftenden oder kontemplativen Ansatzes scheinen Introseiten durchaus legitim. Voraussetzung ist freilich, dass sie inhaltsorientiert und qualitativ hochwertig erstellt werden. (Ja, auch Bilder sind Inhalt!) Dann aber scheint ihre Verwendung nicht so böse zu sein, wie es gerne hingestellt wird. Merke: Totgesagte leben länger.

2 Gedanken über “Sind gute Introseiten ebenfalls böse?

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