Blanzelot Kreativproduktion

Ich bin ein Delinser

Vermutlich haben Sie schon mal von Standardistas oder Codemonkeys gehört. Vielleicht auch von Pixelschubsen. Was aber ist ein Delinser? Eine nicht allzu ernste Spurensuche.

Delinser sind Schreiberlinge, die bei Gelegenheit sehr gerne die HTML-Elemente <del> und <ins> einsetzen. Im Deutschen heißen sie “Löscheinfüger”, was aber in Anbetracht des poetischen Potentials dieses Ausdruckes niemanden so recht interessieren muss. Delinser bilden einen rhetorischen Typus, der sich Kraft der Jugend des Internets bisher kaum entfalten konnte.

Obwohl ihm sein öffentlicher Lebensraum noch nicht lange zur Verfügung steht, bedarf er bereits des Artenschutzes. Denn es handelt sich um eine gefährdete Spezies. Der Fortschritt Das Monstergebahren um (X)HTML 5 will seine semantische Subtilität ins Reich der sinnentleerten Attribute verbannen. Dabei kann das Auftreten des Delinsers sehr lebensfroh und vielfältig sein. Geschwisterlos in Print- und TV-Medien platziert er seine exotischen Hinterlassenschaften im Netz.

Das Vorbild: Der Ur-Delinser

Büchner Handschrift Manuskript aus Büchners Woyzeck

Er exisitierte schon lange vor dem Internet und lebte seine Leidenschaft ausschließlich in Handschriften aus. Der Vormärz- vormoderne Dichter Georg Büchner ist ein prominenter Vertreter dieser Gattung, was in Anbetracht seiner Gelassenheit gegenüber den Regeln der Rechtschreibung fast verwundert. Letztlich ist das aber nicht so wichtig, denn seine Handschrift ist sowieso kaum zu entziffern.

Der Klassiker: Der Draft-Delinser

programmtisches Durcheinander zu Webstandards

Der Draft-Delinser nutzt das Delinsing zur Überarbeitung von Textentwürfen. Dieser Abkömmling tritt gerne geballt auf. Denn das Leben ist eine Baustelle, auf der jeder mal rumdengeln muss. Deshalb streicht er auch gerne mal was durch, um es mit sich selbst zu ersetzen. “Dabei sein ist alles”, lautet sein Motto.

Der Ideologe: Der Diffamier-Delinser

... durchgestrichen: Katholen-Taliban, ersetzt: Kardinal Meisner...

Man nehme eine Bezeichnung, die man jemandem gerne unterjubeln will. Weil man das nicht so recht darf, streicht man durch delt man und inst dann das Erlaubte. Selbstzensur erweckt den Anschein von Political Correctness, ohne die persönliche Botschaft unter den Tisch fallen lassen zu müssen. Arbeiter- und bauernschlau.

Der Verirrte: Der Als-ob-Delinser

unbeschreiblich

Hier hat der Delinser nur so getan als sei er einer. Wenn man den Abschnitt in seine erste Form zurück bringt, lässt sich daraus kein rechter Sinn ermitteln. Denn der Satz erfüllt nicht die grundlegenden Anforderungen an Logik oder Lyrik, um daraus eine Zugehörigkeit zum Reichtum des Deutschs beanspruchen zu dürfen. Für Geschlechtsumwandlungen taugt das Delinsing einfach nicht. Hier hätte sich der Autor besser auf die Seite der etwas einseitigeren Inser geschlagen.

Sind Sie auch Delinser? Oder kennen Sie Vertreter dieser Spezies, deren Spuren hier noch nicht nachgezeichnet wurden? Besonders willkommen sind die sinnstiftenden und nützlichen Beispiele, die mit Hilfe des gesunden Menschenverstandes dazu beitragen können, diese Gattung zu erhalten.

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Ein Gedanke zu “Ich bin ein Delinser

  1. .carsten

    Sehr schön! Eine wirklich wie wild um sich greifende Modeerscheinung, dieses Durchstreichen. Im digitalen Zeitalter eher überflüssig – und ob die Botschaft sich dadurch wirklich klarer ergibt, ist für mich eher fraglich.

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